Wie lebt ein selbstständiger Samenspender?

Teil 1: Die KlientInnen - von «herkömmlichen» Angestellten bis zu CEO’s


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Während ich mich glücklicherweise weder heute noch morgen dem Spiessrutenlauf «Kinderwunsch» stellen muss, ist die Fortpflanzung für viele Menschen aus meinem näheren Umfeld bereits ein omnipräsentes Thema. Doch was, wenn die Zeugung eines eigenen Kindes überhaupt nicht möglich ist? Dominik*, ein Mittdreissiger aus dem deutschsprachigen Grossraum, ist seit zehn Jahren als Samenspender aktiv. Das Ungewöhnliche dabei? Er spendet nicht über eine Samenbank, sondern befruchtet Frauen selbst mittels natürlichem Geschlechtsverkehr.



In diesem ersten Teil der Serie berichtet Dominik über seine KlientInnen: Welche Menschen wenden sich an Samenspender? Weshalb wählen sie nicht den Weg über eine Samenbank? Wie stossen Betroffene auf Dominiks Dienste? Geschichten von unwissenden Ehemännern und der immerwährenden Debatte um Kuckuckskinder.


Du bist Samenspender – nicht unbedingt das Übliche. Wie kam es dazu?



Als ich vor rund zehn Jahren im Ausland arbeitete, erhielt ich die Anfrage eines Pärchens. Daraufhin fragte ich mich: Ja, wieso eigentlich nicht? Ich machte mich anschliessend im Internet über die Thematik schlau – dazumal existierten bereits einige Seiten resp. Quellen dazu – und ich beschloss ihnen als Samenspender zur Verfügung zu stehen.

Daraufhin registrierte ich mich auf den, für Betroffene eingerichteten Seiten und so kam der Ball eigentlich ins Rollen. Es meldeten sich zunehmend mehr Interessenten bei mir.



Kanntest du das betroffene Paar gut? Oder handelte es sich dabei einfach um Bekannte?



Es handelte sich dabei um einen ehemaligen Arbeitskollegen von mir, also somit ein eher entfernter Bekannter. Hätte ich dieses Paar sehr gut gekannt bzw. wären es gute Freunde von mir gewesen, dann hätte ich mich mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht darauf eingelassen. Das wäre mir zu nahe…



Welcher Grund war schlussendlich dafür ausschlaggebend, weiterhin als Samenspender aktiv zu sein?



Das ergab sich irgendwie so… Es gab ja nichts, das mich irgendwie daran gehindert hätte. Ich beschloss infolgedessen, die nötigen Untersuchungen durchzuführen: Spermiogramm, allgemeine Tests bzgl. Geschlechtskrankheiten, usw. Die Ergebnisse fielen allesamt optimal aus. Meine Spermien erwiesen sich als sehr leistungsfähig und danach legte ich eben los. *lacht*



Wie würdest du deine KlientInnen beschreiben? Welche Menschen wenden sich an dich?



Das sind sicher zum einen Menschen mit einem stark ausgeprägten Kinderwunsch oder eben Paare, die selbst nicht in der Lage sind, auf natürliche Weise Kinder zu kriegen. Aus einer gesellschaftlichen Perspektive ist alles dabei: Von «herkömmlichen» Angestellten bis zu Business-Männern/Business-Frauen. Es ist schwierig diese Leute eindeutig in eine demografische Sparte einzuteilen.

Besonders hinsichtlich des Alters ist die Diskrepanz relativ gross. Unter meinen Klientinnen waren bislang Frauen zwischen 20 bis 47-Jahren vertreten. Im Zuge dessen gilt zu erwähnen: Je älter die Frau, umso riskanter die Geburt. Leider kam es bei einigen Betroffenen auch schon zu Fehlgeburten. Von den 47-Jährigen Frauen haben insgesamt zwei davon die Schwangerschaft sowie Geburt erfolgreich überstanden. Bei den Restlichen mussten schliesslich doch medizinische Massnahmen wie bspw. eine künstliche Hormonbehandlung eingeleitet werden.

Was die individuellen Familienkonstellationen anbelangt, diene ich heterosexuellen wie auch lesbischen Paaren und Single-Frauen als Spender. Also grundsätzliche die ganze Palette. *lacht*



Welche Art von KlientInnen ist am häufigsten vertreten? Sofern man das überhaupt pauschalisieren kann.



Das lässt sich kaum verallgemeinern… Grundsätzlich schon eher lesbische Paare. In den letzten Jahren wenden sich aber auch vermehrt Single-Frauen an mich. Zumindest verhält es sich hinsichtlich der Anfragen so. Ob sie den ganzen Prozess daraufhin tatsächlich auch durchziehen, ist nochmals ein anderes Thema. Man muss sich nämlich schon sehr gut überlegen, ob man ein Kind alleine gross ziehen möchte.



Die Single-Frauen von denen du hier immer wieder sprichst: Sind das Frauen, die nicht länger Lust, Energie oder Zeit haben, auf den richtigen Partner zu warten? Was ist ihre Motivation?



Das sind sicherlich auch ausschlaggebende Komponenten. Eine grosse Mehrheit dieser Frauen verfügen jedoch beruflich über Top-Positionen. Da bleibt kaum Kapazität dafür, eine Beziehung zu pflegen. Einige der Betroffenen haben aber nachträglich einen Partner gefunden, mit welchem sie das Kind nun gemeinsam grossziehen.



Wie kann man sich die Umstände im Falle von Hetero-Pärchen vorstellen, die bei dir eine Samenspende beziehen?



Bei solchen Paaren ist der Mann in der Regel unfruchtbar, weshalb sie gezwungen sind, sich anderer Befruchtungs-Optionen zu bedienen.



Dann handelt es sich dabei also um einen zuvor abgesprochenen und einvernehmlichen Beschluss zwischen Frau und Mann?



Ja, genau. Meistens wissen die Männer, dass sich ihre Frauen von einem Samenspender bzw. mir befruchten lassen. Es gab bislang nur einen Fall, in dem der Partner einer Frau nicht darüber informiert wurde. Dabei hatte ich jedoch permanent ein sehr schlechtes Gefühl und ich würde es mittlerweile nicht mehr machen.



Musstest du dich in dieser spezifischen Situation dann auch einem moralischen Konflikt mit dir selbst stellen?



So würde ich es nicht ausdrücken… Im Endeffekt empfinde ich es jedoch sicher als vorteilhafter, wenn alle Beteiligten Bescheid wissen.



Darf ich fragen, wieso diese Frau nicht bereit war, ihren Partner über die Samenspende in Kenntnis zu setzen?



Dominik: Das war dazumal eine ziemlich komplizierte Geschichte. Das Paar hat es lange versucht, doch es wollte einfach nicht klappen. Er verweigerte jedoch trotz allem – aus welchem Grund auch immer – ein Spermiogramm erstellen zu lassen. Ihre körperlichen Grundvoraussetzungen erwiesen sich wiederum als sehr optimal. Infolgedessen hat sie es mit mir probiert, doch die Befruchtungsversuche blieben weiterhin erfolglos. Da sie und ihr Partner zu diesem Zeitpunkt über sehr stressige Jobs verfügten, nahmen sich beide eine Auszeit und wenig später war sie endlich schwanger – jedoch nicht von mir, sondern von ihm. Stress respektive die Psyche können bei einer geplanten Schwangerschaft eine tragende Rolle spielen. Ich bin sehr froh, dass schlussendlich doch noch alles hingehauen hat.



Die Frage, die sich mir während unseres Gesprächs immer wieder aufdrängt, ist, weshalb deine KlientInnen eine Samenspende von dir beziehen? Wieso besuchen sie hierfür nicht eine explizit dafür eingerichtete sowie ausgestattete Einrichtung?



Diese Frage lässt sich von mir kaum endgültig beantworten... Da müsste man eigentlich die Betroffenen selbst fragen. Was jedoch mit Sicherheit eine Rolle spielt, ist der finanzielle Aspekt. Ich berechne meinen KlientInnen keine zusätzlichen Kosten für die Samenspende. Sie müssen lediglich für die Spesen bzw. den Weg aufkommen.



Weshalb verzichtest du auf Kosten für die Spende an sich?



Ich möchte am Ende des Tages keinen Profit aus meiner Tätigkeit herausschlagen. Die Spesen reichen mir persönlich aus, um die Ausgaben für die Reise, die verschiedenen Tests, usw. zu decken.



Was an dieser Stelle wahrscheinlich alle interessieren wird, ist, von welchen Relationen wir hier sprechen. Wie viele Frauen triffst du wöchentlich? Wie viele Kinder hast du insgesamt bereits gezeugt? Ist es möglich diesbezüglich etwas konkreter zu werden?



Was die genauen Zahlen anbelangt, gehe ich eher ungern ins Detail. Was ich sagen kann ist, dass sich vor allem die letzten Jahre aus körperlicher Sicht als sehr anspruchsvoll herausstellten. Zu den intensivsten Zeiten traf ich mich mit acht bis zwölf Frauen monatlich.

Dominik öffnet den vor ihm liegenden Laptop und startet ihn auf. Zu sehen sind nun verschiedene Ordner, akribisch geordnet nach Kindernamen, welche zudem mit dem dazugehörigen Geburtsjahr sowie der Anzahl Versuche bis zur geglückten Befruchtung, versehen sind. In einem weiteren Ordner befinden sich Statistiken zu den geborenen Kindern und den KlientInnen.

Hier kann du bspw. erkennen, dass während der letzten zehn Jahre die meisten der Kinder im Juli geboren wurden. Die nächste Statistik zeigt, zu wie vielen Geburten es alleine in diesem Jahr kam. Mit insgesamt elf Geburten, ist die Anzahl in diesem Jahr am höchsten.



Das ist sehr eindrücklich… Waren alle Kinder, welche bislang geboren wurden, gesund?



Ja, bis jetzt waren alle gesund. Schau mal hier: Hier kannst du erkennen, dass es sich bei den meisten Kindern um Mädchen handelt. In dieser Statistik siehst du, aus welchen Nationen die KlientInnen stammen. Darunter sind Frauen, welche ursprünglich aus der Schweiz, Deutschland, Österreich, Israel, Albanien oder Italien kommen.

Gemäss der nächsten Statistik siehst du, dass die Befruchtung bei vielen Frauen bereits beim ersten Versuch erfolgreich war.



Genau, das prozentuale Verhältnis zwischen dem ersten Versuch und mehreren Versuchen ist beinahe ausgeglichen.



Bei vielen der Frauen ist die Befruchtung nach zwei Versuchen erfolgreich.

Doch wie du anhand der Statistiken feststellen kannst, sind solche «Kuckuckskinder» nicht wirklich eine Seltenheit. Schliesslich ist es auch kein neues Phänomen. Das gab es auch früher schon. Nur waren dazumal nicht Samenspender, wie wir sie heute kennen, die Erzeuger, sondern der nette Nachbar von nebenan, der beste Freund des Ehegattens, der Schwager oder teilweise sogar der Schwiegervater. Dies trifft teilweise auch heute noch zu. Die Dunkelziffer von Kuckuckskindern beträgt ein Ausmass, welches viele vermutlich erstaunen würde.



*Name von der Redaktion geändert

Fact-Check: Verbreitung von Kuckuckskindern



Exakte Zahlen bzgl. dem Vorkommen von Kuckuckskindern in der Schweiz sind nicht bekannt. Gemäss den allgemeinen Annahmen soll jedoch in jeder Schulklasse ein Kuckuckskind sitzen. Geht man darüber hinaus von der durchschnittlichen Klassengrösse hierzulande aus, bedeutet dies, dass es sich bei einem von insgesamt 20 Kindern um ein Kuckuckskind handelt. Wird dieser Wert hochgerechnet, befinden sich unter 100 Kindern schätzungsweise fünf Betroffene.


Quellen:


https://www.srf.ch/sendungen/dok/kuckuckskinder-wenn-alles-ans-licht-kommt

https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bildung-wissenschaft/bildungsindikatoren/bildungssystem-schweiz/themen/lernumwelt/schulabteilungsgroesse.html


Disclaimer



Dies war der erste von insgesamt vier Teilen einer Serie. Es handelt sich hierbei um Ausschnitte eines Interviews, welches mit dem Samenspender Dominik durchgeführt wurde. In dem Vierteiler werden verschiedene Aspekte rund um Dominiks Leben, seine persönliche Gefühlswelt sowie die Thematik der Samenspende beleuchtet.

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