Wie lebt ein selbstständiger Samenspender?

Teil 4: Die Kinder: «Wenn mein Leben eines Tages zu Ende ist, lebe ich in ihnen weiter.»


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Während ich mich glücklicherweise weder heute noch morgen dem Spiessrutenlauf «Kinderwunsch» stellen muss, ist die Fortpflanzung für viele Menschen aus meinem näheren Umfeld bereits ein omnipräsentes Thema. Doch was, wenn die Zeugung eines eigenen Kindes überhaupt nicht möglich ist? Dominik*, ein Mittdreissiger aus dem deutschsprachigen Grossraum, ist seit zehn Jahren als Samenspender aktiv. Das Ungewöhnliche dabei? Er spendet nicht über eine Samenbank, sondern befruchtet Frauen selbst mittels natürlichem Geschlechtsverkehr.



In diesem vierten und letzten Teil der Serie offenbart Dominik vieles über sein inneres Gefühlsleben: Was treibt ihn an? Welche Emotionen verbindet er mit den von ihm gezeugten Kindern? Welche Vorstellungen hegt er gegenüber seiner Zukunft? Von Facebook-Gruppen für Dominiks «Mini-Ichs» und dem Wunsch, unsterblich zu sein.

Kommen wir zu einem der wesentlichsten Punkte der gesamten Samenspende-Thematik. In den letzten Jahren hast du viele Kinder gezeugt. Wie fühlt es sich für dich an, nicht in deren Leben involviert zu sein? Fühlst du bei diesem Gedanken eine gewisse Traurigkeit oder eine Art von Bedauern?



Eigentlich mache ich mir darüber nicht allzu viele Gedanken. Ich handhabe dies nach dem Grundsatz: Was ist nicht weiss, macht mich nicht heiss. Das Wichtigste ist für mich, dass es den Kindern gut geht. Ab und an erhalte ich auch Mails mit aktuellen Fotos oder einigen Updates zu deren Leben.



Informierst du dich teilweise auch aus Eigeninitiative über die Kinder?



Das kommt teilweise auch vor. Doch im Grossen und Ganzen pflege ich nicht allzu viel Kontakt zu ehemaligen Klientinnen. Prinzipiell handelt es sich bei allen Kindern jedoch um Wunschkinder, weshalb ich mir sicher sein kann, dass sie sich in guten Händen befinden. Natürlich können sich im Laufe der Zeit für die Mütter und auch Väter unvorteilhafte Situationen wie etwa eine finanzielle Not oder sonstige Schicksalsschläge ergeben. Darauf habe ich jedoch keinerlei Einfluss, weshalb mir vor allem der Ist-Zustand zum Zeitpunkt der Zeugung wichtig ist. Sind die nötigen finanziellen Ressourcen vorhanden? Hat die Klientin das Ganze organisatorisch durchdacht? Solche Fragen stelle ich mir bereits sehr früh. Auf diese Weise kann ich den Kindern, welche mich vielleicht 18 Jahre später kennenlernen möchten, mit gutem Gewissen sagen: «Zum Zeitpunkt deiner Zeugung waren die Grundvoraussetzungen für dich und deine Geburt optimal.» Tatsächlich treffe ich viele der Kinder nach der Geburt einmal oder sogar mehrere Male.



Handelt es sich dabei immer um dieselben Kinder?



Ja, genau. Teilweise wissen die Kinder auch gar nicht, dass sie ein Samenspender gezeugt hat. Dies ist oft bei Hetero-Paaren der Fall, die sich häufig noch nicht sicher sind, ob, wann und wie sie diese Information den Kindern mitteilen möchten. Das variiert stark. Einige Eltern wiederum, legen grossen Wert auf den Kontakt zwischen den Kindern und mir. Es gab auch schon Fälle, in denen das Kind selbst das Bedürfnis äusserte, mich kennenzulernen.



Doch die Kinder, welche du schlussendlich triffst, wissen, dass du ihr biologischer Vater bist?



Genau, ja.



Wie begegnen sie dir bei eurem ersten Treffen?



Das ist für uns beide eine jeweils sehr aussergewöhnliche Situation. Das eine Mädchen bspw., welches ich erst kürzlich kennenlernte, suchte viel Körperkontakt und wollte mich überall anfassen. Das war insgesamt ein sehr positives Erlebnis. Sie schenkte mir sogar noch eine Zeichnung! *lacht*

Die meisten Treffen dieser Art dauern eine Stunde und dann trennen sich die Wege auch wieder.



Welche Gefühle bzw. Eindrücke hinterlassen solche Treffen bei dir?



Ich bin froh, dass man sich mal gesehen hat und ja… Das hört sich evtl. etwas seltsam an, doch irgendwie ist es dann auch schon wieder durch – abgehakt eben. Ich bin einfach glücklich zu sehen, dass die Kinder wohlauf sind.



Was ist das für ein Gefühl zu wissen, dass so viele «Kleine-Du’s» existieren?



Das ist eine gute Frage! *lacht* Es ist schon irgendwie aussergewöhnlich, nicht wahr? Ich habe mir sogar schon überlegt, eine Facebook-Gruppe für die Kinder zu erstellen. Ich befürchte jedoch, dass das Interesse und somit die Nachfrage hierfür nicht ausreichend ist.

Tatsächlich haben sich aber bereits zwei Frauen, welche ein Kind von mir haben, getroffen. Die meisten möchten die Entscheidung jedoch den Kindern selbst überlassen. Sobald diese 18 Jahre alt sind, wird das Schicksal dann seinen Lauf nehmen. Das älteste Mädchen ist mittlerweile elf Jahre alt. Somit bleibt noch etwas Zeit bevor dieser Zeitpunkt eintrifft. Ausserdem kann ich das, was sich dann ergeben wird, nicht planen. Somit warte ich geduldig ab und bin darauf gespannt, was die Zukunft bringt. Einige Kinder werden mich vermutlich sehen wollen und andere nicht – und beides ist völlig in Ordnung.



Nun zu DER Frage, die sich mir während unseres Gesprächs dauerhaft aufdrängt: Was dient dir letztendlich als Hauptmotivation dafür, Samenspender zu sein? Die finanzielle Entschädigung kann nicht ausschlaggebend sein. Bis zu einem bestimmten Grad besteht zusätzlich sogar ein gewisses Risiko für dich. Was also treibt dich an?



Es hört sich banal an, doch ich glaube ich bin da einfach irgendwie reingerutscht. Irgendwann bist du ein «Profi» auf diesem Gebiet und die Sache läuft einfach weiter. Doch mittlerweile plane ich mich zurückzuziehen... Nach rund zehn Jahren wird es Zeit für einen neuen Lebensabschnitt.



Was schwebt dir diesbezüglich vor?



Das sind viele verschiedene Dinge. Evtl. ein Jobwechsel? Oder vielleicht, mich noch mehr dem Sport zu widmen? Einfach ganz neue Wege einschlagen.



Vielleicht hast du dann auch etwas mehr «Freizeit», die dir zur Verfügung steht?



Das ist mir nicht mal ein besonderes Anliegen. Meine Tätigkeit als Samenspender lässt sich relativ gut mit meinem Alltag vereinbaren. Die Treffen nehmen maximal zwei Stunden in Anspruch. Das heisst, dass ich dafür gut die Zeit, zwischen anderen Verpflichtungen und Verabredungen nutzen kann.



Dennoch stelle ich mir, auch wenn du jetzt bereits etwas kürzer getreten bist, das ganze Hin- und Herfahren sowie die Treffen an sich relativ zeitintensiv vor?



Nur einen kurzen Moment – ich möchte dir nochmal was zeigen.

Dominik steht auf und holt einen Terminkalender aus dem Nebenzimmer.

Das sind die Terminkalender der letzten Jahre. Darin sind sämtliche Treffen eingetragen wie auch die Schwangerschaften und Fehlgeburten. Wirf ruhig einen Blick herein.

Ich sehe du hattest teilweise unglaublich viel um die Ohren. Gerade im Jahr 2017, allem voran im April dieses Jahres.



Ja, schon. *lacht*



Wie hat dein Körper die Anstrengung weggesteckt? Das zehrt doch mit Sicherheit an den Kräften?



Teilweise durchlebte ich schon sehr intensive Zeiten. Um meinen Körper dennoch möglichst fit zu halten, treibe ich nebenbei viel Sport und ernähre mich relativ gesund. Sonst würde das nicht gehen. Doch gerade die Tage, an denen ich am Morgen und dann am Abend wieder ein Treffen hatte – das war schon eine Herausforderung.



Die Herausforderung ist aber nicht nur auf körperlicher, sondern auch auf zwischenmenschlicher Ebene gross, oder?



Man muss sich eben immer wieder auf eine andere Person einstellen. Dazu kommt, dass beim Akt selbst eben nichts zurückkommt. Das ist nicht vergleichbar mit Intimität in einer Beziehung.



Wenn wir gerade von Beziehungen sprechen: Inwiefern bist du als Samenspender aktiv, wenn du gerade in einer romantischen Beziehung bist?



Wenn ich mit jemandem zusammen bin und es sich dabei um eine «ernste Partnerschaft» handelt, dann lasse ich es meine Klientinnen wissen. Ich teile ihnen dann mit: «Ich bin jetzt noch bis Ende dieses oder des nächsten Monats aktiv und ziehe mich daraufhin zurück.»

Dominik sucht die Terminkalender der Jahre 2011 und 2012 hervor.

Wie du vielleicht erkennen kannst, war ich 2011 und 2012 nicht besonders aktiv. Dies liegt daran, dass ich zu dieser Zeit in festen Händen war.



Warum legst du während solcher Phasen eine Pause ein? Liegt es daran, dass dir bedingungslose Treue zu deiner Freundin am Herzen liegt oder weil dir das Verbergen deiner Spender-Treffen zu umständlich ist?



Schon eher Zweiteres. Früher oder später würde ich in Erklärungsnot geraten, weil ich etwas Falsches sage oder das Ganze einfach zu auffällig ist. Es gab auch schon Ex-Freundinnen mit denen ich ehrlich war und die über alles Bescheid wussten – einfach weil wir über längere Zeit eine Beziehung führten. Alles in allem ist es aber eine heikle Angelegenheit: Je mehr Leute darüber informiert sind, umso grösser die Gefahr meine Anonymität zu verlieren.



Während der Anfangsphasen deiner Beziehungen, warst du jedoch immer noch als Samenspender aktiv. Bewertest du das als Untreue?



Ich würde mein Verhalten theoretisch nicht als untreu einschätzen. Ich bin trotzdem ziemlich sicher, dass meine ehemaligen bzw. künftigen Partnerinnen das anders sehen würden. Schlussendlich ist sexueller Verkehr etwas sehr intimes.



Du hast vorhin erzählt, dass du bald endgültig mit dem Samenspenden aufhören möchtest. Könntest du dir danach vorstellen, eine feste Partnerschaft bzw. sogar eine Ehe einzugehen und eventuell eine eigene Familie zu gründen?



Das kann ich noch nicht mit Sicherheit sagen… Ich habe bereits eine uneheliche Tochter aus einer früheren Beziehung, mit der ich einen regelmässigen Kontakt pflege und sogar in die Ferien fahre. Ich denke das reicht mir… Ich glaube somit eher nicht, dass ich noch weitere Kinder, in deren Leben ich stärker involviert bin, möchte. Im Prinzip habe ich ja sowieso schon genug davon! *lacht*



Glaubst du, dass dir diese Streuung deiner Gene bewusst oder unbewusst als Antrieb dient?



Natürlich existieren auch Menschen ohne Kinderwunsch. Meiner Meinung nach streben jedoch mindestens 90% danach, sich fortzupflanzen. Das ist ganz natürlich. Wenn mein Leben eines Tages zu Ende ist, lebe ich in all meinen Kindern weiter.

Zudem ist mein Genmaterial mittlerweile schon in ganz Europa ziemlich weit verbreitet. Das ist schon irgendwie… reizvoll. Das einzige, was ich mir noch vorstellen könnte, ist in einer Samenbank in Bulgarien, Spanien, Schweden oder sonst wo, meinen Samen zu spenden. Oder vielleicht in Mexiko oder Afrika? Ein Kind von multi-ethnischer Herkunft wäre auf jeden Fall die Art von einer «letzten Aktion», die mich reizen würde. In Amerika lasse ich es lieber gleich bleiben… Da müsste ich mich danach wahrscheinlich sowieso nur mit Klagen herumschlagen. Das ist es mir dann doch nicht wert! *lacht*



*Name von der Redaktion geändert

Disclaimer



Dies war der letzte von insgesamt vier Teilen einer Serie. Es handelt sich hierbei um Ausschnitte eines Interviews, welches mit dem Samenspender Dominik durchgeführt wurde. In dem Vierteiler werden verschiedene Aspekte rund um Dominiks Leben, seine persönliche Gefühlswelt sowie die Thematik der Samenspende beleuchtet.

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