Ausgebrannt!

Wenn der Körper die Notbremse zieht

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Mehrere stressige Wochen nacheinander, die Projekte stapeln sich und der Haushalt bleibt mal wieder liegen. Doch auch wenn ich dringend Urlaub benötige und das Geschirr von Vorgestern noch im Abfluss steht, bin ich immer noch fit, gesund und funktionsfähig. Mehr oder weniger. Oder etwa nicht? Es ist wahr, ich fühle mich etwas schlapper und die Arbeit macht weniger Spass als sonst – aber das kennen wir doch alle. Krank bin ich sicherlich nicht. Aber bin ich deshalb gesund? Muss ich etwas verändern oder einfach durchhalten?

Bruno Wagner* hat durchgehalten. Er hat alle Anzeichen seines Körpers zurückgestellt und immer weitergemacht. Zu Beginn sei die Belastung noch kein Problem für Bruno gewesen: «Ich habe teilweise ganze Nächte durchgearbeitet an der ETH und es ging gut. Erst nach einiger Zeit, mit Verzögerung, traten die Symptome auf – und dann ging es plötzlich nicht mehr.» Was Bruno hier beschreibt, ist ein Burn-Out. Es ist die Folge von chronischem Arbeitsstress, der zur Überlastung führt. Dies sagt jedenfalls die WHO, die Weltgesundheitsorganisation, in ihrem Verzeichnis zur «Internationalen Klassifikation der Krankheiten» (ICD). Als Krankheit empfindet die WHO das Burn-Out freilich nicht. Das Syndrom ist unter der Rubrik «Probleme mit Arbeit und Arbeitslosigkeit» zu finden. Im DSM, dem «Diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen», wird Burn-Out gar nicht erst aufgeführt (Quelle). Bruno ist also nicht krank. Aber ist er gesund?

Um dem Ganzen auf die Spur zu kommen, habe ich mich mit Bruno hingesetzt und ihm einige Fragen zu seinen ganz persönlichen Erfahrungen mit Burn-Out gestellt. Der mittlerweile 30-Jährige erhielt seine Diagnose vor fünf Jahren und hat sich seither intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Aktuell fungiert er ausserdem als Ansprechperson der Selbsthilfegruppe Burn-Out/Depression in Burgdorf.

Zwischen krank und gesund


In seiner Akutphase, wie Bruno sie nennt, habe er zwei Wochen lang kein Auge zumachen können.




«Man hat das Gefühl, man sei auf Koks – obwohl ich nie sowas genommen habe. Du wirst einfach irgendwie verrückt, kannst nicht mehr, bist am Boden.»



Er habe auch zu Alkohol und Schlafmitteln gegriffen – alles, was hätte helfen können. Wie auch immer die Symptome, die Bruno beschreibt, genannt werden: gesund sind sie auf alle Fälle nicht. Doch was ist denn nun eigentlich «gesund»?


Die WHO definiert Gesundheit auf ihrer Webseite als ein Zustand von komplettem physischem, mentalem und sozialem Wohlbefinden – nicht einfach die Abwesenheit von Krankheiten oder Verletzungen (Quelle). Konsequenterweise heisst das: Auch wenn ich beispielsweise keine (anerkannte) psychische Krankheit habe, bin ich nicht automatisch psychisch gesund. Es stellt sich jedoch die Frage, was ich denn nun bin, wenn ich nicht krank bin, mich aber auch nicht komplett wohl bzw. gesund fühle. Im Fall von Burn-Out wird nicht selten erwähnt, dass es sich um einen Zustand handle, der ohne Behandlung auf eine psychische Krankheit wie eine Depression hinauslaufen würde (Quelle). Burn-Out wird folglich oftmals als Vorstufe zu einer psychischen Krankheit gesehen. Auch bei Bruno hat der Psychiater neben der Burn-Out-Diagnose bereits eine leichte Überlastungsdepression festgestellt. Es war höchste Zeit für Gegenmassnahmen. Es bleibt trotzdem unklar, weshalb dieser Zustand, der die Betroffenen offensichtlich bereits beeinträchtigt und dessen Behandlung nötig und zeitsensibel ist, nicht als Krankheit anerkannt wird.

Verschiedene Einflussfaktoren


Ähnlich unklar ist, was genau die Ursachen des Syndroms sind und demzufolge, welche Personen Burn-Out-gefährdet sind. Was dazu führe, dass jemand ein Burn-Out habe, sei sehr unterschiedlich und meistens ein Zusammenspiel von verschiedenen Faktoren, erklärt Bruno. Zu seiner eigenen Geschichte sagt er: «Ich hatte eigentlich viele Sozialkontakte und dann durch die ETH und die Arbeit nebenbei – fast 100% neben dem Studium – da kapselst du dich immer mehr ab und es ist dann nur noch die Leistung, die im Zentrum steht, alles andere spielt keine grosse Rolle mehr.» Von einem anderen Mitglied in der Selbsthilfegruppe erzählt er, dass dessen Burn-Out sich als Folge einer schweren körperlichen Krankheit entwickelt habe. Ganz allgemein nennt er Leistungsorientiertheit und Perfektionismus als jene Faktoren, die er in der Gruppe bei allen Teilnehmern habe beobachten können.

Interessanterweise betont die WHO in ihrer Definition im ICD, dass die Ursachen für ein Burn-Out immer arbeitsbezogen seien, während Bruno eine ganzheitlichere Sicht einzunehmen scheint und als gemeinsames Element die Einstellung zur Leistung und dem Leben selbst nennt.

Von der Theorie...


Uneinigkeit über die Ursachen für Burn-Out gibt es nicht nur bei Bruno und der WHO. Die meisten Burn-Out-bezogenen Webseiten schliessen explizit auch Faktoren mit ein, die nicht auf Arbeitsstress zurückzuführen sind (Link). Weshalb die WHO es als reines Arbeitsphänomen bezeichnet, führt auf jene Forscher zurück, welche das Burn-Out in den 70er-Jahren entdeckten (Quelle): Die Psychologen untersuchten spezifisch die Auswirkungen von hoher und langfristiger Arbeitsbelastung auf Personen in Sozial- und Pflegeberufen. Dabei stellten sie bei einem Grossteil der Zielpersonen bestimmte Symptome fest, die einer Depression ähneln. Das Zusammenspiel jener Symptome – das Syndrom – nannten sie Burn-Out. Der Begriff wurde bis dahin von Drogenabhängigen verwendet, um die Folgen übermässigen Drogenkonsums zu beschreiben. Später wurde die Definition auf andere Berufe ausgeweitet. In den letzten Jahren wurden auch unter den Psychologen Stimmen laut, die sich für eine Erweiterung der Definition auf alle Lebensbereiche einsetzen (Quelle). Bis jetzt ohne Erfolg.

... Zur Anwendung


Die zentrale Frage ist jedoch, wie die Definition angewendet wird. Ärzte, Forscher und Psychotherapeuten orientieren sich an den zwei grossen Klassifikationssystemen, dem ICD der WHO und dem DSM, das von der APA (American Psychiatric Association) herausgegeben wird. Wie zu Beginn erwähnt, hat die WHO Burn-Out in das von ihr publizierte ICD aufgenommen. Es ist jedoch das DSM, welches die genaueren und umfassenderen Informationen und Diagnosekriterien für psychische Krankheiten und Störungen liefert (Quelle). Zur eindeutigen Diagnose entsprechender Krankheitsbilder wird folglich mehrheitlich das DSM zurate gezogen. Diese Möglichkeit besteht beim Burn-Out aber nicht. Ohne genaue Kriterien und mit Unklarheiten in Bezug auf Ursachen und Auslöser des Syndroms, wie können Ärzte überhaupt die Diagnose Burn-Out stellen? Gemäss Bruno ist diese Frage gar nicht so relevant, denn es bestehe ein weitaus grundlegenderes Problem:




«Die meisten Ärzte können nicht mit Burn-Out umgehen – oder sie wissen gar nicht, worum es sich handelt.»



Diese Aussage ist beunruhigend, wenn man bedenkt, dass chronischer Stress und dessen Folgen ein grosses Thema sind. Natürlich lässt sich diese Aussage nicht ohne weiteres verallgemeinern. Für die Akzeptanz des Syndroms und nicht zuletzt die Gesundheit der Betroffenen ist es jedoch verheerend, wenn ein Burn-Out nicht erkannt oder schlimmstenfalls gar heruntergespielt wird. Bei Brunos Schilderungen entsteht bei mir der Verdacht, dass Ärzte ihm gegenüber zumindest teilweise der Überzeugung gewesen sein könnten, er sei schlicht arbeitsunwillig gewesen. Wieviel hiervon die tatsächliche Haltung der Ärzte war und welcher Teil jene von Bruno selbst, sei dahingestellt. Es ist jedoch Aufgabe der Ärzte, genauso wie der Psychologen, solche Anschuldigungen schnellstmöglich und mit Nachdruck zurückzuweisen. Unabhängig ob diese von Arbeitskollegen, Angehörigen oder auch den Patienten selbst stammen.

Kampf um Unterstützung


Der Kampf gegen die Stigmatisierung gestaltet sich jedoch schwierig, wenn eine Krankheit nicht als solche anerkannt wird (Quelle). Wird jemand beispielsweise mit Depression diagnostiziert, wird vom Arbeitgeber und später der Invalidenversicherung zumindest ein Teil des Erwerbseinkommens weiter ausgezahlt und der oder die Betroffene kann sich auf die Genesung konzentrieren. Weiter werden krankheitsbedingte Auslagen wie ein Klinikbesuch oder Medikamente von der obligatorischen Krankenversicherung übernommen. Mit einer reinen Burn-Out-Diagnose ist es sehr schwierig, finanzielle Unterstützung über einen längeren Zeitraum hinweg zu erhalten und jene Leistungen, welche die Krankenversicherung übernimmt, sind stark beschränkt.


Bei einer Vernehmlassung zur Überarbeitung der Verordnung über die Unfallversicherung letztes Jahr gab es dann auch einige Stimmen, die sich dafür einsetzten, «die Aufnahme von Berufskrankheiten, die einen psychosozialen Ursprung haben wie Burnout und andere Stresskrankheiten, in die Liste zu prüfen» (Quelle). Die finale Version jener Liste, mit den versicherten Berufskrankheiten, enthält schlussendlich weder Burn-Out, noch andere «Stresskrankheiten». Und während die Aufnahme von Burn-Out in besagte Liste dem Syndrom den Status als Krankheit verschaffen hätte, wäre es auch klar als Berufskrankheit definiert. Betroffene, deren Burn-Out nicht auf eine eindeutig arbeitsbezogene Überlastung zurückgeführt werden kann, hätten unter Umständen noch mehr Schwierigkeiten, Unterstützung zu erhalten, als jetzt schon.


Wichtig ist es anzumerken, dass bei vielen psychischen Krankheiten und Störungen die Ursachen nicht zweifelsfrei und abschliessend festzustellen sind. Umso wichtiger scheint es, Diagnosekriterien diesbezüglich nicht zu eng zu fassen. Im DSM sowie dem ICD wird dieser Grundsatz eigentlich verfolgt – bei Burn-Out scheint es jedoch nicht gelungen zu sein.

Fokus auf Prävention


Für Bruno Wagner ist die Prävention von Burn-Out allerdings wichtiger als eine sinnvolle Abgrenzung des Krankheitsbildes oder die grundsätzliche Anerkennung des Syndroms als Krankheit.



«Wenn man von Anfang an bereits darüber aufgeklärt wird, dass man aufpassen muss – vor allem, dass man sich nicht über längere Zeit ständig so belastet. (…) Wenn ich gewusst hätte, dass es mit der Zeit nicht mehr geht, hätte ich wahrscheinlich schon mehr aufgepasst. Deshalb denke ich, Prävention wäre fast wichtiger als das Krankheitsbild an und für sich»


Dies ist leichter gesagt als getan. Die Prävention, wie auch die Behandlung, besteht hauptsächlich aus Stressabbau und -bewältigung (Link). Es ist schliesslich jener chronische Stress und die dazugehörige Überbelastung, die zum Burn-Out führen. Insofern sind sich alle Definitionen und auch Bruno einig. Stressbewältigungsstrategien und Tipps für den Stressabbau gibt es in allen Farben und Formen. Um diese auch anzuwenden, muss der einzelnen Person erstmal bewusst sein, dass ihre individuelle Belastungsgrenze erreicht ist – oder gar überschritten. Als nächstes muss es jener Person auch möglich sein, die Belastung zu verringern. Wenn nicht sofort, dann zumindest auf Dauer.

Stress ist in aller Munde


Das Thema Stress und seine Folgen sind nicht neu. Allein die Popularität von Begriffen wie «work-life-balance» und der Hype rund um Yoga und dessen stressreduzierende Wirkung zeigen auf, dass sich viele Menschen bewusst sind, dass übermässiger Stress nicht gut ist. Trotzdem scheint die Anzahl an Personen, die sich gestresst fühlen, immer mehr zuzunehmen. Der Job-Stress-Index 2016 der Gesundheitsförderung Schweiz stellt fest, dass zu dem Zeitpunkt ein Viertel der Erwerbstätigen erschöpft und gestresst waren (Quelle). Stress ist die Epidemie des 21. Jahrhunderts. So tönt es jedenfalls aus allen Ecken und Enden des Internets. Die beinahe ikonische Aussage wird ironischerweise der WHO zugeschrieben – die Originalquelle ist freilich verschollen. Wie dem auch sei: Stress scheint so verbreitet, dass dieser Zustand schon teilweise als Norm wahrgenommen zu werden scheint, wenn nicht gar angestrebt:




«Heutzutage in der Gesellschaft sagt jeder, er habe ein Burn-Out und es ist beinahe cool, so viel zu arbeiten. Aber wenn du es dann wirklich hast und ausfällst und dann einen neuen Job suchst, ist es schwierig. Dann wirst du abgestempelt und es heisst ‘Er ist nicht belastbar. Den wollen wir lieber nicht’.»



Der von Bruno angesprochene Doppelstandard ist ernüchternd. Leistung wird erwartet. Je mehr, desto besser. So verwundert es nicht, dass mit der eigenen Leistungsorientiertheit und dem Hang zu Perfektionismus angegeben wird. Gleichzeitig scheinen es jene Merkmale zu sein, die Burn-Out-Betroffene unabhängig von ihrer Arbeits- oder Lebenssituation miteinander verbinden. Offenbar handelt es sich also um Menschen, die jene Werkzeuge mitbringen, welche mit guten Arbeitskräften assoziiert werden. Wie kommt es in dem Fall soweit, dass diese vermeintlichen Stärken zu Symptomen einer potenziellen Erkrankung werden? Der Grund ist laut Bruno die fehlende Selbstwahrnehmung der Betroffenen: «Die meisten Betroffenen sind sich der Situation, in die sie sich hineinmanövrieren, gar nicht bewusst. Jedenfalls nicht, bis es bereits zu spät ist. Man trainiert sich ab, auf den Körper zu schauen und zu hören. Dann merkt man die Reaktionen oder Symptome des Körpers auch nicht mehr. Und das ist etwas, das man wieder irgendwie erlernen muss.»

Ideale Gesundheit


Auf dem Weg zur Genesung steht dann auch die Körperwahrnehmung an hoher Stelle (Link). Für Bruno kam hier der Sport ins Spiel. Jogging auf niedrigem Level, das helfe ihm sowohl beim Stressabbau wie auch bei der Wahrnehmung des eigenen Körpers und der eigenen Grenzen. Ihm geht es heute viel besser. Er hat wieder angefangen zu studieren und arbeitet auch etwas nebenbei. Und er plant nun bewusst Zeiten ein, um Beziehungen zu pflegen und sich mit seinen Kollegen zu treffen. Doch ganz hat er sich auch nach fünf Jahren noch nicht aus den Klauen des Burn-Outs befreien können: «Ich bin immer noch nicht ganz wieder auf dem Berg. Ich muss ein bisschen aufpassen, weil ich mich schneller wieder überlaste und wegen den Schlafproblemen.»


Die eigenen Belastungsgrenzen erkennen und akzeptieren – keine einfache Sache. Oftmals wirken sie störend und einschränkend. So definiert auch Bruno «Psychische Gesundheit» als einen Zustand, in dem er nicht durch sich selbst eingeschränkt ist, als ein «Flow-Gefühl», wenn alles so läuft, wie er es will. Und ergänzt im selben Atemzug, dass es sich hierbei wohl um ein Idealbild handle.
Seine Definition erinnert auf jeden Fall an jene der WHO, die Gesundheit als mehr als nur die Abwesenheit von Krankheiten oder Verletzungen betrachtet. Ob Gesundheit nun bedeutet, die eigenen Belastungsgrenzen zu respektieren oder sie zu überwinden, wird nicht klar. Angestrebt wird zumindest im Fall von Bruno und anderen Burn-Out-Betroffenen offensichtlich letzteres. Die Konsequenz: Das pure Gegenteil. Die Zunahme an gestressten und überlasteten Menschen sowie das Unverständnis, auf das Bruno und Co immer wieder stossen, scheinen darauf hinzuweisen, dass das Bewusstsein für die begrenzte Leistungsfähigkeit des Menschen in der heutigen Gesellschaft nicht vorhanden ist. Solange dies so bleibt, wird wohl auch Burn-Out nicht als Krankheit akzeptiert. Und solange sie – zumindest für einen Grossteil der Menschen – das Überspannen der eigenen Belastungsgrenzen bedingt, wird wohl auch perfekte Gesundheit ein unerreichbares Ideal bleiben.


*Name von der Redaktion geändert

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